Nach eigener Auskunft zitierte das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik diesen Spiegel-Artikel im Rahmen einer Seminareinladung und wurde prompt seinerseits als kompetente Stelle zitiert: Walther Specht, engagierter Jugendhilfeentwickler beim Diakonischen Werk Deutschland mit Sitz in Stuttgart, bemerkte im Herbst 1993 anlässlich der Gründung des für südamerikanische Straßenkinder tätigen Hilfswerks »education para todos« (Vors. Uwe v. Dücker/Herbolzheim) am Rande, in Deutschland gebe es 40.000 Straßenkinder. Specht war nach eigener Auskunft davon ausgegangen, dass die Spiegel-Zahlen auf empirisch erhobenen Daten des ISA fußen. Daraufhin fand weniger die Gründung von »education para todos« ihr Echo in den Agenturmeldungen als vielmehr die Top-Nachricht von 40.000 Straßenkindern in Deutschland.
Nochmals 10.000 obendrauf sattelte der damalige Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB, Hannover), Heinz Hilgers, im Frühjahr 1994: 50.000 seien es bereits, meinte Hilgers in einer Diskussionssendung von »Spiegel-TV«. Weiter berief sich (wie zahlreiche andere Medien auch) der »Weser Kurier« (23.03.94) auf den DKSB: »50.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind ohne feste Bleibe und leben zeitweilig auf der Straße«. Nach eigener Auskunft bestätigte der DKSB, die Zahl von Walther Specht übernommen zu haben. Woher die plötzliche Zunahme um 10.000 Straßenkinder rührte, konnte nicht aufgeklärt werden.Angesichts der hohen Anerkennung des DKSB wurde dessen Zahl zunächst längst nicht nur für Medien, sondern auch für etliche Behörden und Hilfsorganisationen zum Status quo. So titelte der zweifellos innovative Berliner Hilfsverein »Karuna - Freizeit ohne Drogen e.V.« in der Erstauflage der hauseigenen Straßenkinderzeitung »Zeitdruck« (01.08.94): »3000 Straßenkinder in dieser Stadt haben Zeitdruck.« 1996 stutzte auch »Karuna e.V.« die Zahlen gehörig zusammen und warb bei der Veröffentlichung des projekteigenen Buches »Suchen tut mich keiner« (Berlin 1996): »40 von schätzungsweise 7000 Straßenkindern (Anm.: in Deutschland) reden Klartext.«
Bereits in der ersten Auflage des Buches »Straßenkinder in Deutschland« / Seidel (April 1994) wurde der Versuch unternommen, die quantitative Dimension zu klären. Hierzu wurde die Vermisstenstatistik des Bundeskriminalamtes (Wiesbaden) herangezogen.





